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Dr. Rath

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  • Dr. Rath

    Der neunjährige Dominik F. starb an Krebs. Zuletzt wurde er mit den alternativen Methoden des Dr. Rath behandelt. Seine Kritiker werfen dem Mediziner vor, er stehe für ein System mit hohem Profit und sektenartigem Charakter
    von Wolfgang W. Merkel

    Kein Zweifel - der Mann ist tatsächlich Mediziner, und das "Dr." vor seinem Namen hat er rechtmäßig an einer deutschen Universität erworben. Die wissenschaftlichen Weihen hat er also. Aber was nach der Promotion kam, scheint jeder Wissenschaft hohn zu sprechen.

    Die Rede ist von Dr. Matthias Rath, dessen zweifelhafter Ruhm derzeit wieder die Medien umtreibt. Anlaß ist der Tod des neunjährigen Dominik Feld aus Steinebach, einem Ort im Westerwald. Der Junge war vor gut zwei Jahren an Knochenkrebs erkrankt.

    Zunächst wird er schulmedizinisch behandelt: Metastasen in der Lunge werden operativ entfernt, er erhält eine Chemotherapie. Dann stoppen die Eltern die medikamentöse Therapie und beginnen, den Jungen mit einer Mikro-Nährstoffkombination zu behandeln, die zusammengefaßt als die Vitaminpräparate des Dr. Rath bekannt sind. Die Eltern bringen den Jungen im September dieses Jahres schließlich in eine Klinik im mexikanischen Tijuana, die nach Dr. Raths Methoden behandelt. Dort stirbt der Junge schließlich. Der Leichnam ruht nun, nach der Rückführung nach Deutschland, in der Gerichtsmedizin. Eine Obduktion soll die Todesursache aufdecken und die Schuldverhältnisse klären.

    Schulmediziner sind sich einig: Der Junge könnte noch leben. Zwar vermöge die konventionelle Krebstherapie das Überleben eines Patienten in einem derart gelagerten Fall keineswegs zu garantieren, doch ohne sie habe er keine Chance gehabt.

    Stattdessen also die Vitaminpräparate des Dr. Rath gegen den Krebs. Daß Vitamine gesund sind, wird von der Schulmedizin nicht in Abrede gestellt. Doch eher zur Vorbeugung - und wenn schon zu therapeutischen Zwecken, dann allenfalls ergänzend und keinesfalls als Ersatz einer konventionellen Krebsbehandlung. Doch Dr. Rath propagiert seit Jahren mit Eifer seine hoch dosierten Präparate gegen Herztod, Krebs und Diabetes. Zunächst studiert und promoviert er am Hamburger Uniklinikum Eppendorf und hat ein kurzes Zwischenspiel am Deutschen Herzzentrum Berlin.

    In Kontakt mit der fixen Idee, der Therapie durch Vitamine, kommt Rath dann in den USA. Dort lernt er Linus Pauling kennen. Der Wissenschaftler ist einer der wenigen, die zweimal einen Nobelpreis erhalten. Den ersten im Jahr 1954 für seine Forschungen zur chemischen Bindung. Der zweite ist der Friedensnobelpreis im Jahr 1962 für seine Bemühungen um die atomare Abrüstung.

    Doch nach der ersten Auszeichnung driftet Pauling ins wissenschaftliche Abseits. Er entwickelt eine umfassende Gesundheitstheorie und propagiert hochdosierte Vitamine als universelle Medizin gegen allerlei Krankheiten. Der Mann ist berühmt und mit den höchsten wissenschaftlichen Meriten prämiert. Man hört auf ihn - mögen seine medizinischen Aussagen auch immer fragwürdiger werden.

    Rath wird kurze Zeit Paulings Mitarbeiter und beschreitet nach dessen Krebstod im Jahr 1994 weiter dessen Weg der Vitaminmedizin - und sieht sich als einer, der das Werk des Genius fortführt. Einige Mineralien und Aminosäuren nimmt er noch in den Kanon der heilenden Substanzen auf. Mit ihnen sei allen wichtigen Krankheiten beizukommen, so seine Botschaft.

    Gefäßverengungen, Herzschwäche, Schlaganfall und eben Krebs: Alles eine Folge des Mangels an Vitaminen, Mineralien "und anderen Biokatalysatoren". Rath nimmt für sich in Anspruch, wissenschaftliche Studien durchgeführt zu haben, und begründet die sogenannte Zellular-Medizin als vorgeblich neue Heilrichtung. Doch die Studien wurden an Zellkulturen durchgeführt, eine Aussage zur Wirkung bei Menschen lassen sie nicht zu. Eine einzelne Studie mit Patienten wird von Experten des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte als nicht stichhaltig bewertet.

    Doch das ficht Rath und die Menschen, die sich nach seiner Vitaminmedizin behandeln oder mit ihr vorbeugen wollen, nicht an. Denn was die etablierte Wissenschaft sagt, spielt gar keine Rolle. Das System Rath funktioniert anders. Im System Rath agieren nicht nüchtern handelnde Therapeuten und Patienten. Im System Rath agieren ein Held und seine Anhänger. Rath stilisiert sich als Vorkämpfer einer innovativen und zugleich natürlichen wie hochwirksamen Therapierichtung. Er gibt auch den Kämpfer für Patientenrechte und gegen die Kontrolle und Bevormundung der Patienten durch dunkle Mächte. Zu diesen Mächten gehören nach seiner Vorstellung Pharmafirmen, die mit ihren Produkten weiter wie gehabt Geld scheffeln wollen, obwohl es doch wirksamere und nebenwirkungsfreie Alternativen gebe. Dazu gehören auch die Bundesregierung, Behörden sowie internationale Organisationen.

    Ein Beispiel ist der sogenannte Codex Alimentarius. Diese 1962 gegründete Kommission der Vereinten Nationen erarbeitet internationale Lebensmittelstandards zum Schutz der Verbraucher. Sie hat heute Vertreter aus 165 Mitgliedsländern. Anläßlich einer Tagung vor wenigen Jahren in Berlin wetterte Rath gegen die Kommission. Er beschuldigte sie, Gesetze vorzubereiten, die die Menschen behindern, Vitaminpräparate zu erwerben und sich frei Informationen zu Naturtherapien zu beschaffen. Gesteuert sei dies alles vom "Pharma-Kartell".

    Pharmafirmen haben in der Bevölkerung bekanntermaßen kein allzu gutes Image. Gerade deshalb bieten sie sich als Idealfeind Nr. 1 an. Sie sind die "böse" Industrie, die wider besseres Wissen heilende Naturstoffe verdrängt und durch mit schädliche Chemie-Produkte ersetzen will. Alles, um rücksichtslos Geld zu scheffeln. Doch gerade das fällt auf Rath zurück. Denn Dr. Rath ist nicht nur Mediziner. Er steht für einen florierenden Konzern aus einem Versandhandel, einer Stiftung, einem Forschungsinstitut, einem Verlag, einem Restaurant und einer Fortbildungsakademie. Von holländischem Boden aus vertreibt er seine teuren, hoch dosierten Vitaminpräparate - hierzulande sind solche Produkte verboten. Eine Fortbildungsakademie in Wittenberg (Sachsen-Anhalt) bildet für 1400 Euro zum "Berater für Zellular-Medizin" aus. Diese Berater sollen dann die Produkte aus dem Haus Rath vermarkten. Zusätzlich verbreitet Rath seine Ideen und Marketingkonzepte auf populäre Weise in Vortragsreisen, die auf riesigen Plakaten angekündigt werden.

    Und die Anhängerschaft ist zahlreich, sie sichert gute Umsätze und Gewinne. Daß nicht nur hinter dem "Pharma-Kartell" merkantile Interessen stecken, sondern auch hinter dem "Konzern Rath", scheint die Besucher seiner Veranstaltungen und Käufer seiner Produkte nicht zu irritieren. Wer jemals einen seiner Vorträge mit innerer Distanz besucht hat, kommt nicht umhin, dem System Rath Sektencharakter zu bescheinigen. Der Guru tritt auf, die Fans hängen an seinen Lippen und quittieren jede von ihm in Szene gesetzte "Weisheit" willig mit Beifall oder dessen Enthüllungen über das Kartell mit Wutäußerungen.

    Das System Rath ist geschickt aufgebaut und ruht auf mehreren Säulen: auf den Animositäten gegen Pharma-Industrie und Behörden, auf Verschwörungstheorien, auf den Zweifeln an der Schulmedizin mit ihren Nebenwirkungen, der Hoffnung auf die Heilkraft der Natur sowie auf der Angst der Menschen vor Leiden und Tod.

    Vermutlich wird auch der Tod von Dominik daran nichts ändern. Denn Schuld hat im System Rath nicht die erfolglose Vitaminmedizin, sondern die Schulmedizin, die dem Jungen zuvor mit einer Chemotherapie die Lebenskraft geraubt hatten. Dominiks Eltern glauben das vielleicht noch heute.


    Artikel erschienen am Fr, 12. November 2004
    (http://www.welt.de/data/2004/11/12/359140.html)

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